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Schreibwerkstatt


Schreibzutaten sind eigenes Erleben, Fantasie und die Lust, Gedanken aufs Papier zu bringen.

Lesen Sie die Geschichte von © Fatima Al-S.:

Briefe

 
Es regnet bereits seit einer Woche. Kalt ist es dazu. Die Eisheiligen lassen grüßen.

Monika Jenssen, die berüchtigte Klatschtante von Grünenwalde, sitzt auf dem Fußboden ihres Wohnzimmers. Sie ist ausnahmsweise einmal nicht mit dem Klatsch und Tratsch des kleinen Ortes beschäftigt. Vor ihr steht eine Kiste, die sie aus- und aufräumen will. Hier hinein wandert stets alles, was Monika aufbewahren will - jedenfalls fürs Erste. Ein Regentag eignet sich wunderbar dazu, diese Kiste zu leeren, Überflüssiges zu entsorgen.
 
Da ist das Programmheft vom Konzert des Chantychores in der Stadthalle von Goosberg.„Brauch ich nicht mehr. Die Sache hat sich erledigt.“

Monika erinnert sich an Andreas, den Bäckergesellen, der aus dem Chantychor ausgeschlossen und vom Gericht wegen Körperverletzung zu einer saftigen Geldstrafe verurteilt wurde, an Moritz Meier musste er hohes Schmerzensgeld zahlen. „Ablage Papierkorb.“ Andere alte Programmhefte folgen diesem Weg, genau wie eine Menge an Notizzetteln.
 
Da fällt Monika ein vergilbter Brief in die Finger.
„Wie lange ist das her? Ich muss damals zwanzig gewesen sein.“ Monika riecht plötzlich den typischen, staubigen Schulgeruch. Vor ihren Augen taucht das Bild eines jungen Mannes auf, der zur Klassentür hereingeschlendert kam. Monika flehte stumm:
„Komm hierher, auf den Platz neben mir.“ Und er kam.

Die Leute, die sich hier zusammengefunden hatten, wollten wie Monika Arabisch lernen.„Den will ich näher kennenlernen“, dachte sie. Auch dieser Wunsch erfüllte sich, bald waren sie gute Freunde. Harald kam aus Österreich, war ein verrückter Vogel, hatte nie Geld, dafür viel Freude am Leben. Er war stets bereit für irgendwelche unmöglichen Sachen. So hatte er an einem Sonnabendabend die Idee, nach Bad Segeberg zu fahren. Er wollte die Höhle im Kalkberg besuchen.
„Die ist lange geschlossen, wenn wir ankommen.“
„Macht nichts, wir fahren trotzdem.“
Natürlich war die Höhle geschlossen, wie Monika es gesagt hatte.
„Steigen wir eben auf den Kalkberg.“
In der ersten Morgendämmerung eines Junitages standen sie oben. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, die Amseln sangen, was ihre Kehlen hergaben, unten im Ort krähten die ersten Hähne.
Monika fühlt diese Stimmung jetzt mit leiser Wehmut. Ja, es war eine schöne Zeit mit Harald. Sie sortiert weiter. Ein Foto kommt zum Vorschein: Harald vor ihrem Elternhaus, mit einer Kuffiah, einem arabischen Männerkopftuch.
 
Dann musste Harald nach Österreich zurück, seinen Wehrdienst ableisten. Einige Briefe wanderten hin und her, seltsame Briefe wie dieser, in arabischer Schrift, aber auf Deutsch. Der Kontakt brach ab, Harald war verschwunden. Monika fühlt heute noch, wie sie in ein schwarzes Loch aus Liebeskummer gefallen ist, unberechtigt, einzig von ihrer Seite aus. Für Harald war sie nichts anderes als ein Kumpel. Weil Monika so traurig und einsam war, heiratete sie den nächsten, der dazu bereit war. Klar, dass so etwas nicht gut gehen kann. Die Ehe wurde geschieden.
 
Ein anderes Bild: Harald mit seiner Frau und seinen Kindern, ein schmerzhafter Stich für Monika, immer noch. Weitere Zettel und alte Belege, Zeitungsausschnitte, Notizen wandern in den Papierkorb. Dann ein Brief aus Österreich.
„Der ist nicht von Harald“, denkt Monika, „das ist nicht seine Handschrift. Dieser Brief ist von seiner Frau. Sie teilt mit, dass Harald verstorben ist.“

Viele Jahre ist das her, doch Monika spürt die Trauer bis jetzt. „Er ist nicht tot. In meiner Erinnerung lebt dieser verrückte Kerl immer noch.“
 
 
 
Lange Aktiv Bleiben e.V. (2014)