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Schreibwerkstatt


Schreibzutaten sind eigenes Erleben, Fantasie und die Lust, Gedanken aufs Papier zu bringen.

Lesen Sie die Geschichte von © Edith H.:

Oles Traum

 
Oles Haus lag etwas abgelegen von den anderen Fischerhäusern hinter dem Deich. Wie alle Familien hier am Siel lebte auch er vom Fischfang.

Doch das Geschäft ging schlecht. Größere Reedereien mit technisch besser ausgestatteten Booten konnten weiter hinausfahren und fischten den kleinen Fischern die Beute vor der Nase weg. Auf einer Sitzung im Krug war was los: Alle empörten sich, keiner wusste Rat. Als Ole mit der Faust auf den Tisch schlug und mit donnernder Stimme rief: "Das mach ich nicht mehr mit!" wurde es still im Saal. "Wir schaffen uns auch ein großes Schiff mit modernen Fangmöglichkeiten an."

Sofort brach ein Tumult aus. "Du bist wohl mall", riefen sie, "wovon sollen wir das denn bezahlen? Wir können kaum von unserem Fang leben."

Ole hob beschwörend beide Hände. "Nein, nicht jeder bekommt ein eigenes Boot. Wir gründen eine Genossenschaft. Jeder gibt so viel Geld hinein, wie er kann. Dann nehmen wir einen Kredit auf und fahren gemeinsam aus. Kosten und Gewinn teilen wir. Weniger als jetzt wird es schon nicht sein."

Die Wogen gingen hoch. Alle redeten durcheinander. Einige waren dafür, andere dagegen.

"Ruhe“, schrie Ole, "wer will beitreten?"

Nach fünf weiteren Zusammenkünften stand fest. Drei Familien beteiligten sich. Die anderen zogen es vor, so weiter zu machen wie bisher. Es sollte noch eineinhalb Jahre dauern, bis alles unter Dach und Fach war, das Geld bewilligt wurde und jeder wusste, was er zu tun hatte. Ein günstiges Schiff wurde bald gefunden. Plötzlich ging alles sehr schnell.

Mit Herzklopfen gingen sie auf erste Fahrt. Wider Erwarten, trotz großer Ängste lief die Sache gut an. Sie verdienten mehr, konnten die Kredite immer pünktlich abzahlen.
 
Schon träumten sie von einem zweiten Schiff. Eines Tages, die Crew war schon zwei Tage draußen, kam Sturm auf. Mit ungewohnt großer Kraft peitschte der Wind die Wellen an Land. Deiche brachen und überfluteten das Hinterland.
Die meisten Boote waren längst heimgekehrt und hatten im kleinen Hafen festgemacht.

Nur Ole war mit seiner Mannschaft noch draußen. "Ach, der wird sich wohl nach Holland oder in einen anderen Hafen gerettet haben. Sind ja alle keine Anfänger mehr."
 
Die Bevölkerung hatte alle Hände voll zu tun. Mit Sandsäcken wurden die Deiche gesichert, Wasser aus den Kellern und Häusern gepumpt. Dächer mussten repariert werden. Die Leute schufteten bis zur Erschöpfung. Der Sturm ließ nicht nach.

Von Oles Boot keine Spur, keine Nachricht. Nirgends wurde ein SOS aufgefangen.

Nach uralter Sitte stellte Oles Frau eine Laterne ins Fenster. "Hierher, Ole, hierher musst du steuern." Klammen Herzens kauerte sich die Familie um den runden Tisch, um zu beten, wagten kaum den Blick zu heben .
 
Dann legte sich der Sturm. So plötzlich wie er aufgekommen, so plötzlich war alles vorbei. Nach dem tagelangen Heulen und Brausen war die Stille fast gespenstisch.

Nun würde auch Ole mit seinem Boot zurückkehren. Niemand sah das Schiff. Niemand wusste, wo es geblieben.

Es begann ein langes Hoffen und Bangen.
 
 
Lange Aktiv Bleiben e.V. (2014)