Neues PDF
Neues Bild
   
   
   
 
Schreibwerkstatt


Schreibzutaten sind eigenes Erleben, Fantasie und die Lust, Gedanken aufs Papier zu bringen.

Lesen Sie die Geschichte von © Hans-Lüder H.:

Inge

 
Er stand vor dem Trittbrett des abfahrbereiten Zuges. Sollte er oder sollte er nicht? Besser noch: Wollte er oder wollte er nicht? Der Zugbegleiter an dem Nebenwagen schaute den Zug entlang, hielt bereits seine Pfeife vor dem Mund und die Kelle in der linken Hand etwas erhoben.
 
Die leicht zerknitterte Ansichtskarte erreichte ihn vor einigen Tagen völlig unvorbereitet. Das Bild auf der Vorderseite zeigte einen der kreisrunden Gmündener Maare inmitten der hügeligen, dicht bewaldeten Eifellandschaft. Genauso eine Postkarte hielt er vor vielen, vielen Jahren schon einmal in der Hand. Sein Herz klopfte ein wenig, als er, ohne die Karte umzudrehen, in seinen Erinnerungen kramte.
 
Der Sommer 1969 oder 1970 und die Klassenfahrt in die Eifel zur Jugendherberge Gmünden. Eigentlich wäre die Klasse viel lieber an die Nordsee oder besser noch nach Paris gefahren. Aber der Lehrer, wie hieß er doch gleich? – richtig: Lehrer Hampel, wollte unbedingt wandern. Das ging in der Eifel zweifellos besser als am Nordseestrand oder in einer Großstadt wie Paris.
 
Inge hieß das Mädchen, das ihm sofort auffiel, als die Klasse nach der Ankunft in die Jugendherberge drängelte. Inge saß vor der Eingangstür auf einem Stein, zupfte Blütenblätter aus einem Gänseblümchen und beobachtete mit einem leichten Lächeln die lärmend ankommende Klasse. Als er an ihr vorbeiging, fiel eines der abgezupften Blütenblätter direkt vor seinen rechten Schuh. Schnell bückte er sich, hob es auf und hielt es in seiner Hand fest verschlossen. Dabei fiel sein Blick auf Inge, die nur leicht errötete, während ihm das Blut nur so ins Gesicht schoss. Puterrot wurde er und drängte sich schnell durch die Eingangstür in die Halle. Nur weg, dachte er. Später ist er sich nie sicher gewesen, ob das Blütenblatt nur zufällig vor seinem Schuh landete, oder …???
Inge war keck. Ihre langen blonden Haare, sehr kurzen Hosen, schlanken braunen Beine und ihr offenes fröhliches Lachen zogen ihn magisch an. Während der einen Woche, die ihre Klassen gemeinsam in der Jugendherberge verbrachten, freundeten sie sich schnell an und verliebten sich. Seine erste richtige große Liebe. Er wusste damals schon, dass er diese Gefühle nie vergessen würde. Inges Klasse fuhr zwei Tage früher ab und er kaufte an seinem letzten Tag genau diese Ansichtskarte und schrieb seiner Inge alles auf, was er fühlte. Er ahnte, dass er sie nie wiedersehen, aber ebenso, dass er sie nie vergessen würde. Er hatte keine Antwort auf seine Karte erhalten und auch sonst nichts mehr von Inge gehört.
Er war sich sicher, nie jemandem von seinen Erlebnissen und Empfindungen während dieser Klassenfahrt erzählt zu haben. Wer mochte ihm also von dort schreiben? Langsam drehte er die Ansichtskarte um. Die Schrift war ihm nicht bekannt. Rund und schön sah sie aus; irgendwie typisch weiblich, dachte er.
 
Er begann die Karte, die ihm all diese Erinnerungen aufdrängte, zu lesen. Sie war wirklich von Inge. Sie schrieb ihm, dass sie jetzt Herbergsmutter in der Jugendherberge in Gmünden sei und damit für sie ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen wäre. In dem kleinen Laden am Eingang der Herberge war ihr diese alte Ansichtskarte in die Finger geraten und sofort hätte sie sich an die seine erinnert, die sie nicht beantwortet habe. In Gmünden ist inzwischen alles noch schöner geworden, schrieb sie. Trotzdem wünschte sie sich manchmal ihre Jugendzeit zurück. „Liebe Grüße“ mit einem Herz versehen, „deine Inge“ stand am Ende der Karte. Das kleine Herz ganz in die linke untere Ecke gedrückt. Als er diese Karte gelesen hatte, schoss ihm das Blut genauso ins Gesicht wie damals, als er das Blütenblatt des Gänseblümchens vor der Jugendherberge aufhob.
 
 
 
Lange Aktiv Bleiben e.V. (2014)