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Schreibwerkstatt


Schreibzutaten sind eigenes Erleben, Fantasie und die Lust, Gedanken aufs Papier zu bringen.

Lesen Sie die Geschichte von © Inga L:

Teamarbeit

 

Das Seminar ist anspruchsvoll. Ich höre plötzlich auf meine Stimmen. Nicht, dass ich zur Esoterikerin geworden wäre mit Engeln und so. Nein, es geht um Kommunikation.
„Ihr kennt doch bestimmt alle den Satz ‚Es wohnen zwei Seelen in meiner Brust‘. In Wirklichkeit sind es sehr viel mehr, jeder trägt diese Seelen oder Stimmen in sich“, sagt unser Seminarleiter Herr Bock, „horcht in euch hinein. Ihr könnt so euren widersprüchlichen Gefühlen auf den Grund gehen. Es kann zum Beispiel darum gehen, einen Konflikt erfolgreich zu lösen.“
Ich habe einen Konflikt. Er heißt Erich und ist mein Mann. Wenn ich an den denke, höre ich Stimmen, stimmt. Es hatte so wunderschön angefangen. Damals in Venedig hatten wir uns in einer Gondel das erste Mal geküsst. Der Gondoliere sang laut und Erich summte das Lied leise mit. Die Erinnerung an seine Stimme führt noch heute zu steilen Härchen auf meinen Armen.
Zurück zu Herrn Bock: „Man kann diesen Stimmen auch Namen geben. Überlegt euch Adjektive und wandelt diese dann in Substantive um.“
Einen Namen für meinen Konflikt habe ich schon einmal. Jetzt benenne ich die Stimmen in mir, los geht´s. Mutig, schüchtern, ängstlich, vorsichtig, fürsorglich, nachdenklich, die Liebende, die Helfende, Selbstbewusste, Pädagogin, Strategin, Diplomatin, das Organisationstalent. Fast hätte ich die Geliebte vergessen.
„Wir brauchen auch einen Chef“, mit diesen Worten unterbricht Herr Bock meinen Gedankenfluss und ignoriert die im Raum sitzenden Frauen, immerhin 95 Prozent der Anwesenden. Danach fallen mir noch die Wütende, Aggressive, Verletzte, Rachsüchtige, Hysterische und Männermordende ein. Womit wir beim Thema wären. Ich könnte ihn umbringen!
***
Beginnen wir von vorn. So schön wie es begonnen hatte, ging es erst einmal weiter. Bilderbuchhochzeit, zwei Kinder - Jörg und Anja, Häuschen im Grünen, zwei Autos vor der Tür, ein Urlaub am Meer im Sommer, einer zum Skilaufen im Winter und immer in Italien. Gepflegt sah mein Mann damals aus, schlank, immer sonnengebräunt und er hatte einen gutdotierten Job in der Wertpapierabteilung der Deutschen Bank. Sein Chef stellte ihm eine steile Karriere in Aussicht und ich gefiel mir in meiner Nebst-Gattinnen-Rolle.
‚Wann schlichen sich die ersten Schwierigkeiten ein‘, meldet sich die Nachdenkliche. Das Seminar beginnt zu funktionieren, ich staune nicht schlecht.
‚Der kam doch nie nach Hause‘, sagt die Verletze, ‚zunächst dachtest du, er hätte eine Geliebte. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis du wusstest, was los war!‘
‚Diese langsame Veränderung. Erst der Krach wegen des Kaufs einer karierten Stoffbluse für zehn Mark. Du bist heute froh über den Trockner, dann braucht ihr nur wenig Kleidung und fallt so Erich nicht zur Last‘, äußert die Ängstliche, wobei sie an den Nägeln kaut.
‚Und jedes Mal dieser massive Ärger, wenn etwas für die Kinder angeschafft werden musste. Was taten die mir leid‘, sagt die Fürsorgliche mit warmer Stimme, worauf die Wütende mit der Faust auf den Tisch schlägt und schreit: ‚So ein Aufstand wegen eines Geodreiecks. Das war nicht mehr normal! Dem gehörte rechts und links eine gescheuert!‘
‚Nicht nur gescheuert, umbringen, umbringen, umbringen muss man so einen, hihihi‘, das ist die Hysterische. Sie kichert noch eine Weile vor sich hin.
‚Nein, nein‘, sagt die Moralische, ‚das gehört sich einfach nicht.‘
 
Da komme ich in die Realität zurück und damit zu Herrn Bock: „Wenn wir den Chef haben, stellen wir uns vor, die Stimmen wären Personen und versammeln sie an einem Runden Tisch. Das ist dann unser Inneres Team. Bitte achtet jetzt auf eure Stimmen und schreibt auf, was sie euch zu sagen haben.“
Das wird ganz schön voll bei mir und ich bin nicht gerade als teamfähig bekannt. Ich bewaffne mich mit Block und Kugelschreiber und beginne in mich hineinzuhorchen. Im Raum ist es jetzt totenstill. 
‚Wird das eine Multiple Persönlichkeit?‘, fragt die Intelligenzbestie in mir.
‚Du gehörst doch gar nicht zum Team‘, faucht die Chefin, gleichzeitig das Organisationstalent, ‚ich bitte um Ruhe!‘
Die Schüchterne meldet sich: ‚Darf ich auch mal was sagen, ich mag deinen Mann nicht mehr.‘
Das große Stuhlrücken beginnt, alle Finger fliegen in die Höhe, ‚Wir auch nicht!‘
In mir bricht ein regelrechter Tumult los, alle schreien durcheinander, ‚weg mit ihm, weg mit dem Spieler!‘
‚Ihr könnt ihn nicht verurteilen, es handelt sich immerhin um einen kranken Menschen. Hat er es denn schon mit einer Therapie versucht?‘, die Helfende mal wieder.
‚Bei dem ist doch Hopfen und Schmalz verloren. Wie oft haben wir mit ihm diskutiert. Er will das nicht kapieren. Wer spielen will, will spielen! Das was da weg geht, ist dein Geld und das Erbe deiner Kinder! Einmal süchtig, immer süchtig!‘
‚Das kann man so nicht sagen, es gibt Menschen, die schaffen es, ihre Sucht zu besiegen, ich kenne da eine Statistik.‘
‚Umbringen, umbringen, die einzige Möglichkeit, weg mit dem, eine Schande ist das!‘
‚So etwas tut man doch nicht!‘
‚Denk an die steilen Härchen, du liebst ihn noch.‘
‚Aber doch nur noch die Stimme, nicht die Glatze und den Bauch.‘
‚Seit er seinen Job verloren hat, lässt Erich sich gehen, er kommt aus dem Kreislauf allein nicht heraus, man muss ihm helfen.‘
‚Und diese nervigen Allergien. Immer geschlossene Fenster und kein Nüsslein kann man im Hause rumliegen lassen!‘
‚Dafür kann er ja nun wirklich nichts.‘
 
Das Blut steigt mir in den Kopf, Schweiß tropft von der Stirn. Ich bekomme keine Ordnung in meine Gefühle. Die Frauen neben mir schreiben eifrig. Meine Seele lässt sich nicht zähmen, nicht bei dem Thema. So schnell, wie sich die Stimmen in mir zu Wort melden, kann ich gar nicht schreiben. Nach einer Weile bittet Herr Bock darum, das Geschriebene vorzulesen. „Nein“, sage ich laut, „ich lese nicht.“
***
Auf dem Weg nach Hause beruhige ich mich etwas und fasse einen Entschluss. Ich muss mich beeilen, denn ich habe Jörg und Anja zum Fondueessen eingeladen, wie jeden Muttertag. Auch dieses Jahr bin ich wieder wegen der Honig-Senf-Soße durch die ganze Stadt gerannt. Erichs Lieblingssoße ist schwer zu bekommen, und er isst sie nur allein. Wie gut, dass ich vorsorglich zwei Flaschen gekauft habe, das kommt mir gelegen. Beim Tisch decken stelle ich eine Flasche vor Erichs Teller.
„Mein lieber Sohn mag nun einmal Erdnussbutter, also gehört sie dazu“, murmele ich.
Die gute Butter und die Erdnussbutter stelle ich wie immer weit auseinander, damit es nicht zu einer Verwechslung kommen kann, denn ein Hauch von Erdnüssen kann gravierende Folgen für Erich haben, das weiß jeder. Ich ziehe die Rollos herunter und zünde schon einmal die Kerzen an. Befriedigt betrachte ich mein Werk. Man kann nicht gut sehen, Hauptsache es schmeckt!
 
Dann gehe ich in die Küche, um in einem Mörser eine Handvoll Erdnüsse zu mahlen, je feiner, desto besser. Nach einer Weile sind die Nüsse schön pulvrig und ich fülle sie mit leicht zitternden Händen in die zweite Honig-Senf-Flasche, schließe diese mit dem Deckel und schüttele sie ordentlich durch. Niemand darf etwas merken.
‚Willst du das tatsächlich durchziehen‘, meldet sich die Ängstliche plötzlich.
‚Klar, der hat uns lang genug getriezt. Immer diese Geldsorgen und es hört nicht auf!‘
‚Er ist krank‘, sagt die Fürsorgliche nachdrücklich, ‚eine Sucht, da muss man helfen.‘
‚Richtig‘, sagt die Helfende, ‚wir müssen ihn zu einer Therapie bewegen.‘
‚Schluss jetzt‘, ruft die Chefin.
 
Ich stelle die präparierte Soße hinter den Ficus Benjamini auf der Fensterbank neben dem Esstisch. Direkt daneben ist mein Platz. Ich kenne Erich so lange. Er isst immer erst ein Stück vom trockenen Weißbrot, um es dann an den Tellerrand zu lehnen und für den Rest des Fondueessens zu vergessen. Dann schlägt meine Stunde.
‚Das kannst du nicht machen‘, sagt die Moralische.
‚Wenn etwas schiefgeht, denk an deine Kinder‘, wispert die Ängstliche.
 
Ich traue mich noch nicht, die Soßen zu tauschen. Vielleicht zu vorgerückter Stunde mit etwas Wein im Blut?
 
Erich braucht heute länger im Bad, er hat sich ausnahmsweise gut zurechtgemacht, lange nicht geschehen, meine Härchen kitzeln. Die Kinder sind pünktlich und sitzen schon, als ich mit dem Topf aus der Küche komme und ihn auf das Stövchen setze. Jörg zündet die Brennpaste an, wir spießen das Fleisch auf die Gabeln und tauchen sie ins heiße Fett. Es brutzelt und riecht verführerisch. Da wir uns nicht viel zu sagen haben, beginnen wir gleich zu essen. Mein Mann schüttet einen großen Schluck Honig-Senf-Soße auf seinen Teller und Steakpfeffer oben drauf, dann beißt er ein Stück von der Weißbrotscheibe ab und lehnt sie gegen den Rand. Wie immer ist sein Fleisch zuerst gar und es ist das Recht des Hausherrn, die Tafel zu eröffnen. Selbst am Muttertag. Meine Stimmen bleiben stumm. Im Nu hat er die Soße mit dem Fleisch auf getunkt, es bleibt kein Rest auf dem Teller. Gierig wie immer!
Was sind das auf einmal für komische Geräusche? Ich gucke Erich an, der röchelt, fasst sich an die Kehle und ringt nach Luft. Ich hatte die Soße doch noch gar nicht…   
‚Hilf ihm‘, schreit die Fürsorgliche.
Er wird puterrot, die Augen treten aus seinem Kopf, dann hört man nichts mehr. Ich springe auf und erwische Erich unter den Achseln, versuche, ihn zu halten.
‚Ruhig‘, sagt die Ausgleichende.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie mein Sohn das Weißbrot nimmt, es sorgfältig mit Erdnussbutter bestreicht und wieder an den Tellerrand lehnt. Das Buttermesser legt er daneben und lässt Erichs sauberes Messer in seiner Hosentasche verschwinden. Dann zieht er aus der anderen Hosentasche eine weitere Honig-Senf-Soße und tauscht die Flaschen.
 
Zwei Seelen, ein Gedanke.Durch meine Gleitsichtbrille sehe ich verschwommen, wie die Geschwister einen verständnisinnigen Blick wechseln. Das Team in mir brüllt durcheinander, Erich entgleitet meinen Händen und bleibt regungslos mit weit geöffneten Augen auf dem Teppichboden liegen.
„Anaphylaktischer Schock, hat die Butter verwechselt. Alles Gute zum Muttertag“, sagt Jörg und die Geschwister nehmen mich in die Arme.
‚Haltet euch ganz fest‘, sagt die Liebende in mir, während mir das Herz die Brust sprengt.
‚Prima Teamarbeit‘, meint die Chefin, ‚aber die ganze Diskussion umsonst. ‘

 
 
Lange Aktiv Bleiben e.V. (2014)